Konzept

Founder Distortion

Founder Distortion ist die systematische Verzerrung der Wahrnehmung, die entsteht, wenn Gründer zu nah an ihrer eigenen Geschichte sind. Nicht weil sie lügen — sondern weil ihre Nähe zur Sache den Blick trübt.

Was Founder Distortion ist

Wer ein Unternehmen gründet, steckt sich selbst hinein: Energie, Zeit, Geld, Identität. Diese Investition ist die Grundlage jedes Erfolgs. Aber sie hat eine Nebenwirkung. Je tiefer man in etwas investiert ist, desto schwerer wird es, es objektiv zu beurteilen. Die eigene Nähe zur Sache wird zur Linse — und jede Linse verzerrt.

Founder Distortion ist kein seltenes Phänomen bei besonders unvorsichtigen Gründern, sondern ein strukturelles Problem, das nahezu alle trifft, die wirklich in ihr Unternehmen eingetaucht sind — die Frage ist nicht ob, sondern wie stark, und ob man eine Gegenkraft hat.

Wie sie sich zeigt

Founder Distortion zeigt sich in vielen Formen. In der Überzeugung, dass das eigene Produkt besser ist als es der Markt signalisiert — weil die Ablehnung falsch interpretiert wird. In der Bereitschaft, schlechte Zahlen mit dem richtigen Narrativ zu erklären, anstatt die Zahlen für sich sprechen zu lassen. Im Festhalten an Entscheidungen, die man selbst getroffen hat, auch wenn neue Informationen dagegen sprechen — weil das Zugeben des Irrtums die eigene Geschichte beschädigt.

Und: in der Art, wie Mitarbeiter und Partner bewertet werden. Wer nicht zur Geschichte passt, wird unterschätzt oder verdrängt. Wer sie bestätigt, wird überschätzt — unabhängig von tatsächlicher Leistung.

Warum sie gefährlich ist

Founder Distortion ist deshalb so gefährlich, weil sie die Fähigkeit, Feedback zu verarbeiten, systematisch untergräbt: Kritik wird als mangelndes Verständnis abgetan, Warnsignale werden neu interpretiert, und Berater, die unbequeme Wahrheiten aussprechen, gelten als nicht ausreichend informiert.

Das Unternehmen kann sich dadurch von der Realität entfernen, ohne dass der Gründer es bemerkt — bis die Distanz zu groß ist, um sie noch zu überbrücken.

Der Gründer sieht sein Unternehmen. Der Markt sieht etwas anderes. Der Abstand zwischen diesen beiden Bildern ist Founder Distortion.

Was hilft

Gegen Founder Distortion hilft kein Wille und keine Disziplin — beides sind interne Ressourcen, die von derselben Verzerrung betroffen sind. Was hilft, sind externe Strukturen: Beiräte, Berater oder enge Vertraute mit echter Unabhängigkeit und der Freiheit, unbequeme Dinge auszusprechen. Regelmäßige Überprüfung der eigenen Annahmen anhand von Zahlen, nicht von Narrativen. Und die Bereitschaft, Feedback als das zu sehen, was es ist: das wertvollste Signal, das ein Unternehmen bekommen kann.

Wer Founder Distortion einmal wirklich verstanden hat — aus eigener Erfahrung oder aus der Erfahrung anderer — entwickelt danach eine Sensibilität dafür, die ihn für den Rest seiner unternehmerischen Laufbahn schützt. Das ist ein Vorteil, den man sich nicht kaufen kann.

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